Die Lebensweise der Hügelbauende Waldameisen


Einleitung:

Tiere können den Widrigkeiten ihrer Umwelt auf unterschiedliche Art und Weise entgegentreten. Ein Teil der Arten versucht es als Einzelkämpfer, wobei die eigenen Artgenossen als Konkurrenten betrachtet werden. Andere Arten agieren in kleineren oder größeren Gruppen. Diese sozial lebenden Tiere lösen Probleme durch Kommunikation und Arbeitsteilung. Die höchste Form dieses sozialen Zusammenlebens ist die eusoziale Lebensweise, die wir unter anderem bei den Ameisen finden.

Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, existieren bei den Ameisen drei Kasten: Königinnen, Arbeiterinnen und das männliche Geschlechtstier.


Solitäre Lebensweise - Die Einzelkämpfer im Tierreich:

Dieser Begriff bezieht sich auf Tiere, die überwiegend als Einzelgänger leben. Bei fast allen diesen Tieren gilt jedoch die Paarungszeit oder die Zeit der Jungenaufzucht als Ausnahme, in der sie kurzzeitig zusammenkommen.Diese Lebensweise ist nicht auf Insekten beschränkt, sondern kommt in verschiedenen Tierklassen vor.

Einige Beispiele:

- Säugetiere: Wildkatze, Luchs, Eisbär, Hamster, Maulwurf
- Kriechtiere / Reptilien: Kreuzotter, Meeresschildkröten
- Fische: Hecht, Weißer Hai
- Insekten: Mauerbienen, Holzbienen

Gehörnte Mauerbienen (Osmia cornuta)
Gehörnte Mauerbienen (Osmia cornuta)

Die überwältigende Mehrheit der Insektenarten lebt solitär. Es findet keine Zusammenarbeit mit anderen Weibchen statt. In den meisten Fällen stirbt die Mutter, bevor der Nachwuchs schlüpft, und es findet keine direkte Larvenpflege statt.

Dem gegenüber steht die soziale Lebensweise.


Soziale Lebensweise:

"Sozial" bedeutet hier mehr als nur das zufällige Zusammenkommen an einer Futterstelle; es geht um Kooperation, Rangordnungen, Arbeitsteilung oder gegenseitige Fürsorge.

Auch hier wieder einige Beispiele für eine soziale Lebensweise aus verschiedenen Tierklassen:

- Säugetiere: Wölfe, Elefanten, Schwertwale
- Vögel: Rabenvögel, Pinguine
- Fische: Bundbarsche, Clownfische


Die eusoziale Lebensweise der Ameisen:

Die eusoziale Lebensweise ist die höchste Form des sozialen Zusammenlebens im Tierreich. Dabei tritt das einzelne Individuum fast völlig zugunsten der Kolonie zurück Sie zeichnet sich durch drei Hauptmerkmale aus:

- Es gibt es eine klare Arbeitsteilung, bei der sich einige Mitglieder (z. B. Königinnen) um die Fortpflanzung kümmern, während andere (Arbeiterinnen) Nahrung beschaffen oder das Nest verteidigen.

- Es leben mehrere Generationen gemeinsam in einem Nest.

- Die Individuen kümmern sich gemeinschaftlich um die Aufzucht des Nachwuchses. Dieses Zusammenleben macht Ameisen, Bienen und Termiten besonders erfolgreich.

Sind diese Bedingungen erfüllt, spricht man von Eusozialität. Die bekanntesten Vertreter sind neben den Ameisen die Termiten und die Honigbienen. Die Eusozialität ist im Laufe der Evolution mindestens 15 bis 20 Mal völlig unabhängig voneinander entstanden (konvergente Evolution). Sie ist somit keine "einmalige Erfindung" der Evolution, sondern ein Erfolgsmodell, das immer wieder auftritt.

Einige Beispiele für eusozial lebende Tiere:

- Säugetiere: Afrikanischer Nacktmull
- Krebstiere: Knallkrebse
- Insekten: einige Bienenarten, Ameisen und Termiten

Aus der eusozialen Lebensweise Lebensweise ergeben sich für die Ameisen mehrere Vorteile:

- Verteidigung: Ein einzelnes Insekt flieht in der Regel, um sein eigenes Leben zu retten. Ameisen hingegen kämpfen kollektiv. Selbst größere Angreifer können von den unzähligen Ameisen überwältigt werden. Da die Arbeiterinnen unfruchtbar sind, ist ihr individuelles Überleben genetisch zweitrangig. Sie können sich ohne zu zögern opfern, um die Königin (und damit ihre Gene) zu retten. Dadurch sind aggressive Verteidigungsstrategien möglich, die für Einzelgänger unmöglich wären.

- Nestklima: Solitär lebende Tiere sind dem Wetter mehr oder weniger ausgeliefert, während Ameisen in ihrem Nest ihr eigenes Klima schaffen. Die hügelbauenden Waldameisen können durch kollektive Körperwärme, Belüftungsschächte und Fäulniswärme die Temperatur im Nest konstant halten. Das ermöglicht eine schnellere Entwicklung der Brut, auch wenn es draußen kalt ist.

- Reproduktive Arbeitsteilung: Die Königin lebt geschützt im unteren Bereich des Nestes und ist eine reine "Eierlegemaschine". Sie geht kein Risiko bei der Nahrungssuche ein. Das sichert den Fortbestand der Kolonie, selbst wenn hunderte Arbeiterinnen sterben. Durch die gemeinsame Brutpflege der Arbeiterinnen erhöht sich die Überlebensrate der Nachkommen.

Durch die eusoziale Lebensweise sind die Ameisen von den Limitationen des Individuums entkoppelt und werden häufig als Superorganismus bezeichnet. Diese Lebensweise macht die Kolonie widerstandsfähiger, langlebiger und anpassungsfähiger als fast jedes andere Lebewesen ihrer Größe. Das Überleben eusozial lebender Ameisen ist nur in einer Gemeinschaft möglich. Eine einzelne Ameise ist auf sich allein gestellt nicht überlebensfähig und würde nur kurze Zeit überleben.


Die Kasten der Waldameisen:

Die Eusozialität beschreibt die hochorganisierte Staatenbildung von Ameisen mit Brutpflege und Arbeitsteilung. Dabei werden die Individuen in mehrere Kasten aufgeteilt, die spezielle Aufgaben übernehmen. Bei den Ameisen gibt es drei Hauptkasten: Königinnen, Arbeiterinnen (weiblich) und Männchen. Bei einigen Ameisenarten gibt es zudem Unterkasten, zum Beispiel Soldaten. Die Kastenbildung ermöglicht eine effiziente Koloniearbeit und wird in der Regel durch Ernährung, Umweltreize und Pheromone gesteuert.

Königin:

Die Königin ist buchstäblich die "Mutter" aller Ameisen im Bau. Sie ist mit 9 bis 11 mm deutlich größer als die Arbeiterinnen, hat einen massiveren Brustkorb - an dem früher ihre Flügel saßen - und einen größeren Hinterleib (Gaster), in dem sich die Verdauungs- und Fortpflanzungsorgane befinden. Nach der Befruchtung ist ihre einzige Aufgabe, Eier zu legen und somit den Fortbestand des Volkes zu sichern. Königinnen der hügelbauenden Waldameisen können ein Alter von 20 bis 25 Jahren erreichen.

Geflügelte Königin der hügelbauenden Waldameisen
Geflügelte Königin der hügelbauenden Waldameisen

Ihre einzige Aufgabe ist das Eierlegen. Damit sichern sie den Fortbestand der Kolonie. Ohne sie stirbt die Kolonie aus, da es keinen Nachwuchs gibt.

Arbeiterinnen:

Die Arbeiterinnen der hügelbauenden Waldameisen entwickeln sich aus den befruchteten Eiern der Königin. Ihre Größe variiert zwischen 5 und 9 mm, und sie können ein Alter von 4 bis 6 Jahren erreichen. Sie sind die zahlenmäßig größte Kaste in einem Ameisenvolk und das Rückgrat des Waldameisennestes. Sie bauen und reparieren das Nest, versorgen die Königin und die Brut, gehen auf Nahrungssuche, verteidigen den Staat und regulieren das Nestklima. Um all diese Aufgaben effektiv zu erledigen, haben sich die Arbeiterinnen auf bestimmte Tätigkeiten spezialisiert.

Männchen (Drohnen):

Die männlichen Geschlechtstiere entwickeln sich aus unbefruchteten Eiern. Ihre einzige Aufgabe ist es, die jungen, geflügelten Königinnen während des Hochzeitsflugs zu begatten. Da sie nur zur Paarung benötigt werden, leben sie oft nur wenige Tage nach dem Hochzeitsflug.


Die Arbeitsteilung der Ameisen:

Wer ein Ameisennest beobachtet, erkennt auf den ersten Blick ein mehr oder weniger unkoordiniertes Durcheinanderlaufen der einzelnen Tiere. Doch weit gefehlt: Die einzelnen Ameisen gehen einer speziellen Tätigkeit nach. Um das Überleben und Fortbestehen des Ameisenvolkes zu gewährleisten, ist eine Arbeitsteilung erforderlich, um die Vielzahl der erforderlichen Aufgaben effizient zu erledigen.

Umfangreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass eine ausgeprägte Spezialisierung auf bestimmte Tätigkeiten besteht. Dabei gibt es Ameisen, die über Monate hinweg extrem treu einer einzigen Aufgabe nachgehen (zum Beispiel immer denselben Baum zum Blattlausmelken aufsuchen). Andere wechseln häufiger die Tätigkeiten, wieder andere passen sich der aktuellen Situation an, zum Beispiel bei der Reparatur des Nestes nach einer Beschädigung. Es gibt jedoch auch Tiere, die keiner erkennbaren Tätigkeit nachgehen, die aber möglicherweise eine Rolle bei der Futterweitergabe spielen.

Ein weiteres Ergebnis der Langzeitbeobachtungen war, dass die Ameisen in ihrer Jugend Arbeiten im Nest nachgehen und erst danach in den Außendienst wechseln. Dieser Übergang wird durch die Aktivität der Ovarien (Eierstöcke) gesteuert. Junge Arbeiterinnen haben gut entwickelte Ovarien, in denen Eier gebildet werden. Solange dies der Fall ist, fühlen sie sich an das Nest gebunden. Wenn die Ovarien degenerieren und die Eier resorbiert sind, drängt es die Ameise in den Außendienst. Dieser Zeitpunkt kann zwischen wenigen Wochen und mehr als einem Jahr liegen. Allgemein betrachtet ist die Treue zu Tätigkeiten im Innendienst dabei generell höher als die zu Tätigkeiten im Außendienst.

Tätigkeiten im Innendienst (meist jüngere Tiere):

- Brutpflege: Pflege, Fütterung und Transport von Eiern, Larven und Puppen in Bereiche mit optimaler Temperatur.
- Nestbau/-instandhaltung: Reparatur, Umbau und Reinigung des Hügels, oft durch "Bauarbeiterinnen".
- Königinnenpflege: - Königinnenpflege: Versorgung und Pflege der Königinnen.
- Futterverteilung: Aufnahme und Verteilung von Nahrung im Nest.
- Klimaregulation: Regulieren der Temperatur im Nest.

Außendienst (meist ältere Tiere):

- Jagd: Insektenjagd in der Nestumgebung aber auch auf Bäumen und Sträuchern
- Melken und Beschützen der Blattläuse: Honigtau sammeln und ins Nest transportieren
- Verteidigung: - Verteidigung: Schutz des Nestes und der Artgenossen vor Feinden.
- Materialbeschaffung: Sammeln von Baumaterial für den Hügel.

Innendienst Außendienst
Weckerinnen Jägerinnen
Wärmeträgerinnen Sammlerinnen
Speichertiere Blattmausmelkerinnen
Brutpflegerinnen Blattlauswächterinnen
Königspflegerinnen Straßenbauerinnen
Nestreinigerinnen Materialbeschafferinnen
Beutezerlegerinnen Trägerinnen
Wächterinnen

Was steuert die Arbeitsteilung:

Die Arbeitsteilung der Waldameisen basiert auf dem Zusammenspiel zweier Faktoren:

1. die individuellen Faktoren:

Diese liegen in der einzelnen Ameise selbst begründet. Es handelt sich um physiologische (körperliche) und psychische (charakterliche) Merkmale, die darüber entscheiden, welche Arbeiten eine Ameise ausführen kann und möchte.

Nicht alle Ameisen reagieren gleich, sondern sie haben unterschiedliche Reizschwellen, selbst wenn sie gleich alt sind. Die unterschiedlichen Neigungen einer Ameise für spezielle Tätigkeiten variieren zwischen zwei Extremen:

Spezialisten: Diese Ameisen haben eine sehr spezifische Reizschwelle. Sie reagieren stark auf einen bestimmten Reiz (z. B. Honigtau von Läusen) und ignorieren andere Aufgaben. Sie zeigen eine hohe "Arbeitstreue" und verrichten immer wieder die gleichen Tätigkeiten.

Unstete Ameisen: Diese reagieren auf viele verschiedene Reize, aber oft nur kurz oder unkonzentriert. Sie wechseln häufig die Aufgaben oder laufen scheinbar ziellos umher.

Diese Unterschiede sorgen dafür, dass nicht alle Ameisen stur das Gleiche tun, sondern es existiert eine gewisse "Bandbreite" an Verhalten.

2. Die sozialen / gemeinschaftlichen Faktoren:

Diese Einflüsse entstehen durch die Bedürfnisse des Volkes als Ganzes. Ein Beispiel hierfür ist die massive Zerstörung des Nestes durch einen Feind. Nun müssen nicht nur die üblichen Bauarbeiter den Schaden ausbessern, sondern der starke Reiz der Zerstörung (Wärmeverlust, offenes Nest) veranlasst auch Ameisen, die das sonst nie tun würden, dazu zu helfen (z. B. reine Innendiensttiere oder Jäger). Die Gemeinschaft erfordert also eine gewisse Flexibilität, der sich auch das einzelne Individuum anpassen muss.

Zusamenfassend lässt sich sagen das aus den verschiedenen individuellen Neigungen (Triebstärken) und aus den augenblicklichen sozialen Bedürfnissen des Volkes die jewalige Arbeitsverteilung der Ameisen resultiert.


Vorteile der Arbeitsteilung:

Effizienz: Durch Spezialisierung (z. B. auf eine bestimmte Aufgabe wie das Melken von Blattläusen) werden Ressourcen schneller und zuverlässiger beschafft.

Risikominimierung (Verlust der "Alten"): Der Außendienst ist gefährlich. Es ist biologisch sinnvoll, die alten Ameisen den Gefahren der Außenwelt auszusetzen. Die jungen, physiologisch wertvollen Ameisen bleiben im sicheren Nest.

Optimale Verteidigung: Da sich die Giftdrüse und das aggressive Verhalten erst nach einer gewissen Zeit vollständig entwickeln, befinden sich genau die Ameisen an vorderster Front, die auch am besten kämpfen können.

Überleben: Die Arbeiterinnen sind für alle lebensnotwendigen Funktionen verantwortlich, damit die Königin Eier legen kann und somit für das Fortbestehen des Volkes sorgt.



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Quellen:

Die Waldameise: Biologie-Ökologie und forstliche Nutzung - Karl Gößwald



Letzte Änderung am 13.12.2025